2023 ist Schluss: psychischer Missbrauch durch Eltern-Kind-Entfremdung muss ein Ende haben!

Was Experten sagen

Zahlreiche Experten haben sich mit dem Thema „Eltern-Kind-Entfremdung“ in ihrem jeweiligen Fachbereich beschäftigt. Ihre Erfahrungen, ihre dezidierte Meinung teilen sie hier mit uns.

Dr. Stefan Rücker ist Psychologe und leitet die Forschungsgruppe PETRA sowie die Arbeitsgruppe Kindeswohl an der Universität Bremen.

Eltern-Kind-Entfremdung als Risikofaktor
für emotionalen Kindesmissbrauch
Dr. Stefan Rücker

„Wer in einem dunklen Raum in einem Buch lesen kann bringt wichtige Eigenschaften mit, das oft verdeckte Phänomen der Eltern-Kind-Entfremdung zu erkennen. Kinder in Trennungskontexten ziehen sich scheinbar aus guten Gründen aus einer intakten Eltern-Kind-Beziehung zurück, und der betreuende Elternteil gibt sich ratlos und beteuert, mit dieser merkwürdigen Entwicklung nichts zu tun zu haben. Vielmehr noch garantieren entfremdende Elternteile oft, das Kind dürfe zum anderen Elternteil, aber es wolle ja nicht, und schließlich könne man es nicht zwingen. In Gesprächen dieser Art fragt man sich was dieselben Elternteile tun würden, wenn das Kind den Schulbesuch verweigert, oder die Nahrungsaufnahme. In der Summe jedenfalls weisen entfremdende Elternteile jede Verantwortung von sich, während entfremdete Kinder den Kontakt zum anderen Elternteil verweigern. Da kann man nichts machen, oder!?
    Zugegeben, die Gemengelage ist meist komplex und überdies gibt es berechtigte Gründe von Kindern, Distanz zu Elternteilen aufzubauen. Mit geeigneten Methoden lassen sich Anzeichen für eine tatsächliche Entfremdung jedoch sichtbar machen. Die Prämisse in diesem Bereich lautet ,schau genau‘. Entfremdende Elternteile weisen in der Regel spezifische Merkmale auf, entfremdete Kinder ebenfalls. Beispielsweise berichten betroffene Kinder meist auf zwei Ebenen über den Konflikt: Auf der manifesten, und auf der latenten! Oder anders gesprochen: Auf der manifesten Ebene verbalisieren die Kinder zwar ihre Abneigung gegen einen Elternteil; emotional und verhaltensbezogen erzählen die Kinder häufig jedoch eine ganz andere Geschichte.
    Wie beispielsweise die zwei seit Jahren entfremdeten Jungen, die sich im Gespräch fortwährend über Augenkontakt bei der Mutter rückversichern, nichts Falsches zu sagen und die behaupten, der Vater sei ihnen vollkommen egal. Die allerdings bei der Nachricht, dass der Vater sich partnerschaftlich neu gebunden hat panisch und weinerlich reagieren und stammeln, dass der Vater dann ja bald neue Kinder haben werde und sie selbst nicht mehr brauche. Gleichgültigkeit sieht anders aus! Aber dies ist nur ein Hinweis neben vielen und überdies nicht repräsentativ, denn auch Väter entfremden. Jenseits dieser bedrückenden Szene nehmen Kinder generell Schaden durch Eltern-Kind-Entfremdung. Klinische Studien beispielsweise aus den Bereichen der Neurobiologie, der Kinderpsychopathologie und aus der Bindungsforschung zeigen ein deutlich erhöhtes Entwicklungsrisiko für entfremdete Kinder, wobei Depressionen, Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten sowie Alkohol- und Drogenerkrankungen dominieren. Die Folgen reichen oft über das gesamte Leben der Betroffenen.
    Eltern-Kind-Entfremdung stellt ein seelisches Verbrechen an Kindern dar, ebenso wie körperliche Misshandlung! Das Tragische bei der induzierten Entfremdung ist allerdings, dass die Folgen im Vergleich zur körperlichen Misshandlung nicht unmittelbar sichtbar sind. Umso wichtiger, dass im Sinne einer guten Praxis zum Schutz von Kindern adäquate, empirisch abgesicherte Analysemethoden in Fällen mit Entfremdungsverdacht zum Einsatz kommen. In diesem Zusammenhang sind alle beteiligten Fachdisziplinen gefordert!“

Der Tumor von Eltern-Kind-Entfremdung
Dr. Hans-Peter Dürr

Krebserkrankungen kommen nicht über Nacht und nicht von allein, sondern entzünden sich aus dem Funken einer Mutation und brauchen oft Jahre bis zum Ausbruch der Erkrankung. Ebenso verhält es sich mit Eltern-Kind-Entfremdung – es kommt nicht über Nacht, wenn ein Kind sagt, es wolle den Vater oder die Mutter nicht mehr sehen oder nichts mehr mit ihr/ihm zu tun haben.
    Bösartige Verläufe von Eltern-Kind-Entfremdung lassen Kinder über ihren Vater oder ihre Mutter sagen „es wäre mir lieber er wäre tot“, oder „sie soll aus meinem Leben verschwinden“. Für Entfremdung gilt dabei dasselbe wie für Krebserkrankungen: will man sie verhindern, darf man nicht bis zur Therapie warten, sondern muss sich um Prävention und Früherkennung kümmern.
    Das KiMiss-Institut und die Universität Tübingen haben ein Instrument zur Früherkennung von induzierter Eltern-Kind-Entfremdung entwickelt, das sogenannte KiMiss-Instrument. Von induzierter Eltern-Kind-Entfremdung spricht man, wenn die Entfremdung eines Elternteils auf die Beeinflussung des Kindes durch den anderen Elternteil zurückgeführt werden kann.
    Dieses Instrument bietet Früherkennung auf der Basis der oft subtilen und perfiden Elemente eines leise geführten Beziehungskrieges, in welcher das Kind zur Waffe gemacht wird: wenn das 3-jährige Kind den Anruf des anderen Elternteils erwartet, aber das Telefon ausgesteckt wird; wenn die Wochenenden des 6-jährigen Kindes beim anderen Elternteil durch mannigfaltige Lügen verhindert werden; wenn dem 9-jährigen Kind gesagt wird, dass der andere Elternteil es vor der Geburt „nicht wollte“, usw. Dem KiMiss-Instrument liegt dazu eine Liste von 150 Verhaltensweisen zugrunde, die bei Elternkonflikten zu untersuchen sind.
    Warum muss ein Instrument zur Früherkennung von induzierter Eltern-Kind-Entfremdung eine Vorhersage aus dem Verhalten der Eltern ableiten, warum können wir dies nicht direkt am Kind untersucht? Dies hat einen einfachen Grund: hat der Prozess der Entfremdung beim Kind bereits eingesetzt, dann ist oft schon zu spät. Auch ein Instrument zur Früherkennung von Krebs darf nicht erst dann ausschlagen, wenn der Tumor damit begonnen hat, sich seinen Weg zu bahnen.
    Das KiMiss-Institut hat viele Elternteile betreut, die von beginnender oder fortschreitender Eltern-Kind-Entfremdung betroffen sind. Einer der häufigsten Sätze dieser Betroffenen ist: „Die sagen alle, sie könnten nichts mehr tun“. Es sei zu spät. Die? Damit waren Familiengerichte, Jugendämter, Beratungsstellen oder Verfahrensbeistände und Sachverständige gemeint. 
    Viele der Betroffenen sehen ihre Kinder dann über Jahre hinweg nicht mehr. Ihre Weihnachts-Päckchen für die Kinder werden ihnen nach Neujahr ungeöffnet zurückgeschickt und die entsorgten Elternteile denken jeden Tag mehrmals beim Blick auf das Telefon: „vielleicht wendet sich ja das Blatt heute und mein Kind ruft mich an“. Jahre zuvor waren die Anzeichen für Eltern-Kind-Entfremdung schon erkennbar – sie wurden jedoch nicht ernst genommen.
    Induzierte Eltern-Kind-Entfremdung zerstört das gemeinsame Leben zwischen einem Kind und seinem Vater oder seiner Mutter. Es handelt sich um eine schwere Form von Kindesmisshandlung und emotionalem Missbrauch mit oft lebenslangen Schädigungen oder Beeinträchtigungen für das Kind. Die auch heute noch weit verbreitete Unterbewertung von emotionalen und psychischen Misshandlungs-Formen stellt in Wirklichkeit eine systematische Leugnung dieser Gewalt gegen Kinder dar.
    Es gibt heute viele Menschen, denen durch Krebsvorsorge die Antwort erspart werden konnte: „Wir können nichts mehr tun“. Auch bei Familiengerichten, Jugendämtern und ihren Verfahrensbeteiligten müssen sich Entwicklungen auftun, dass sie Eltern und Kindern diesen Satz nicht mehr sagen müssen. Vor allem müssen wir Eltern-Kind-Entfremdung endlich als das begreifen, was es ist: eine psychische Form der Misshandlung und eine Form von inner-familiärer Gewalt an Kindern.
    Früherkennung von Eltern-Kind-Entfremdung ist ebenso möglich, wie in anderen Bereichen der medizinischen Diagnostik – solche Methoden müssen eingesetzt werden, wenn der emotionale Missbrauch von Kindern und die psychischen Formen von häuslicher Gewalt ein Ende haben sollen und wir eine Gesellschaft wollen, in welcher wir uns mit Verantwortung und Wohlwollen für eine lebenswerte Zukunft unserer Kinder einsetzen.

PD Dr. Hans-Peter Dürr ist Leiter des KiMiss-Projektes, Universität Tübingen
Anna Pelz, M.A.

„Eltern-Kind…was? Nie gehört…“
Anna Pelz

So oder so ähnlich lautet in aller Regel die Reaktion der meisten Menschen, wenn ich das Thema Eltern-Kind-Entfremdung (EKE) anspreche. „Na ja. Wieder so eine Mode-Diagnose aus Amerika.“ So oder so ähnlich wiederum die Reaktion noch immer erschreckend vieler Fachleute. Dabei ist die Eltern-Kind-Entfremdung ein gesellschaftliches Phänomen, dass in Deutschland jährlich schätzungsweise ca. 30 000 bis 60 000 Kinder (je nach Quelle) betrifft. EKE ist mittlerweile gut erforscht und seit 2019 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als psychische Kindesmisshandlung anerkannt. 

Aber was ist diese Eltern-Kind-Entfremdung eigentlich?
Es ist eine ausnahmslos alle soziale Schichten übergreifende Begleiterscheinung vieler konflikthafter Trennungen. Ein unschönes Beziehungs-Finale, unschönes Aus, die Liebe wird zu Hass, Hass erzeugt Wut, Wut macht blind. Ist ein Kind da, wird es spätestens dann als die letzte noch funktionierende Waffe im Kampf gegen den/die verhasste/n Ex eingesetzt: die Kontakte und Umgänge zwischen dem Kind und dem/der Ex werden sabotiert, das Kind gezielt aufgehetzt, so dass es diesen Elternteil bald „ganz von selbst“ ablehnt. Bis dahin ist alles in aller Regel kaum wahrnehmbar, da ausgrenzende Elternteile nach Außen eine perfekte Fassade präsentieren. Und die blauen Flecken auf einer Kinderseele, die durch EKE entstehen und von versierten Expertinnen und Experten bereits vielfach beschrieben wurden, sind auf den ersten Blick ohnehin unsichtbar.
    Entfremdung kann sehr subtil vollzogen werden. Durch kleine spitze Bemerkungen, schiefe Blicke oder ein abruptes Verlassen des Raums, wenn das Kind den anderen Elternteil erwähnt. Ein Zwei-Finger-Griff und ein vor Ekel verzogenes Gesicht, wenn ein Spielzeug „von ihm/von ihr“ angefasst wird. Fragen, ob das Kind den Papa/die Mama anrufen möchte – mit hochgezogenen Augenbrauen und eisiger Stimme. Kleinigkeiten eben, denen kaum jemand eine Bedeutung zuschreibt.
    Was einen Elternteil zu einem solchen Verhalten animiert? In aller Regel sind es Abgründe, in die kein Mensch gern hineinschaut. Vom Hass und Rachesucht über Unwissenheit, Angst vor dem Verlassen werden bis hin zu psychischen Erkrankungen wie Borderline. Nicht selten spielen die Ereignisse aus der eigenen Kindheit des Elternteils eine Rolle: autoritäre Erziehung, Suchtproblematik der eigenen Eltern oder ihre psychischen Erkrankungen, Gewalt (auch sexualisierte oder psychische Gewalt), Vernachlässigung, Liebesentzug. Abgründe, die aber jemanden, der darin aufgewachsen ist und diese überlebt hat, dazu verleiten können, auch andere hineinziehen zu wollen. Eine Art Hilferuf. Sieh hin, so ging es mir. Das Tragische daran: wird diesen Elternteilen Hilfe angeboten, wird diese in aller Regel abgelehnt. Man brauche keine Hilfe. Es laufe doch alles wunderbar, wäre da nicht diese/r Ex. Er/sie allein sei der Störfaktor.
    Es kommt Ihnen bekannt vor? Das kann gut sein. Bestimmt kennen Sie einige alleinerziehende Mütter oder Väter in Ihrer Umgebung. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kennen Sie damit mindestens ein Kind, das Opfer der Eltern-Kind-Entfremdung ist. Und Sie kennen mindestens eine Täterin oder einen Täter. Schauen Sie nicht weg, wenn Sie Anzeichen von EKE bemerken. Setzen Sie sich für eine nachhaltige und positive Beziehung des Kindes zu beiden Eltern ein. Kinder brauchen beide Eltern.